Dienstag, 29. April 2008

Leibesübung

Links herum, rechts herum, noch mal von vorne. Jetzt die Drehung, und marschieren. A-Step rechts, A-Steps links, noch vier Mal. Und einen Mambo. Strecken, Zehen berühren und jetzt die andere Seite. Wer Sport gemacht hat, kann auch Bier und Schnäpse trinken, große Leberwurstbrote mit Zwiebeln und Senf essen und spät ins Bett gehen. Vor dem Bierhäusle im Dunkeln stehen und in den Sternenhimmel schauen. Als könnte man jeden Stern ganz leicht herunterpflücken.

Montag, 28. April 2008

Beruhigung

Nachts aufwachen aus einem schlechten Traum und in völlige Dunkelheit starren. Schritte auf dem Dachboden.
Ein Marder, nur ein Marder. Es gibt keine Gespenster außerhalb von mir.

Sonntag, 27. April 2008

Samstag, 26. April 2008

Spuren

Die Wiesen sind grün geworden. Wolkenschatten fallen auf die Grashügel, die Traktoren fahren langsam über den Hang. Mit einem Buch im Türrahmen sitzen, warten und keine Zeile lesen. Der Kondensstreifen am Himmel wie die Unterstreichung eines wichtigen Satzes.

Donnerstag, 24. April 2008




Gasthof Engel

Der Hochberg heißt heute Frühlingsberg. Himmelschlüssel wachsen am Straßenrand, Sumpfdotterblumen am Bachlauf und Narzissen in den Gärten. Seven golden daffodils, all shining in the sun / they light the way of evening, when our day is done. Der dunkle Holzboden, von vielen Schritten gefärbt, die niedrige helle Decke, draußen die Sonne, drinnen Schnitzel, Rindfleisch, Spätzle, Pläne, Gelächter.

Mittwoch, 23. April 2008

Nebel

Das Auto schwimmt durch den Nebel wie ein Boot, das sich von Leuchtboje zu Leuchtboje seinen Weg sucht. Sobald das Licht der Scheinwerfer die Begrenzungspfähle trifft, leuchten sie auf wie Kerzen. Die Straße steigt leicht an, Leuchtpunkte auf beiden Seiten führen nach oben und ins Dunkel. So, sagt M. hinter dem Steuer, stellt man sich doch den Weg zum Himmel vor. Man orientiert sich von Lichtpunkt zu Lichtpunkt und muss darauf vertrauen, dass es weitergeht, dass ein nächstes Licht kommt. Eine plötzliche Kurve, M. reißt das Steuer herum.

Montag, 21. April 2008

Blick

Das weiße Fensterkreuz, die geschwungene zitternde Linie der Baumkronen. Wenn es außen keine Bewegung gibt, dringt alle innere Bewegung nach außen. Das Moos klettert die Baumstämme hinauf, die Pilze wachsen, in den Pfützen spiegeln sich die Zweige. Die Steine haben Geschichten in sich eingeschlossen und die Holzstämme warten darauf, das Stühle aus ihnen werden. Ist in mir ein kleines Mädchen und eine alte Frau? Erzählen die Linien in der Hand etwas über das Ende?

Samstag, 19. April 2008

Freitag, 18. April 2008

Licht

Die Jacke ablegen, als legte man die Winterhaut ab. Zwischen bemoosten Stämmen plötzlich der Frühling, hingetupft mit Sonnengelb. Im Wald das Kreuz für die ermordeten Amerikanischen Flieger, die 44 über Schollach mit Fallschirmen abgesprungen sind. Der Baum daneben umwickelt mit Stacheldraht. Auf der Bank über dem Dorf sitzen, als könne man den eigenen Gedanken zusehen, wie sie in der Sonne immer kleiner werden. Sich den Hügel herunterrollen, unten ankommen und wieder sechs Jahre alt sein.

Mittwoch, 16. April 2008

26


Auch wenn es hagelt und schneit, manchmal möchte man einfach irgendeine Telefonnummer wählen, den Hörer ans Ohr halten, warten, bis jemand drangeht und Danke sagen. Flugblätter aus dem Fenster werfen. Dankeskarten in ein Astloch legen.

Dienstag, 15. April 2008

Sonntag, 13. April 2008

Hochsitz



Im Wald finde ich den Thron des Mooskönigs. Der König trägt einen langen grünen Mantel und hält einen fest, wenn man am Abend zu spät draußen ist. Er fragt einen nach den größten Ängsten und man muss ehrlich sein. Wer lügt, wird in einen Bach verwandelt und muss viele Jahre dahinplätschern. An guten Tagen will der Mooskönig nur eine Geschichte hören. Manchmal sei er die schweigenden Tannen leid und die Steine, die für einen Satz hundert Jahre brauchen.

Freitag, 11. April 2008

Vorstellung

Die Eisenbacher Kinder singen, um mich aufs Landleben einzustimmen, Lieder über die Tiere auf dem Bauernhof. Um dem Tod zu entrinnen, hilft dem Schwein nur Diät. In meiner Geschichte verwandelt sich ein lichtfressendes Männchen in einen blauen Schmetterling. In Daniel Wanglers Erzähltheater trifft das kleine „und“ ein großes „Wer“ und wird von ihm in den Arm genommen. Es entsteht ein WUNDER. Ich esse gleich zwei Würstchen hintereinander und vergesse irgendwo mein Textblatt, so viele Hände werden gedrückt.

Donnerstag, 10. April 2008

Motacilla alba



Das Schwarz einer Feder
wie Spuren der Gedanken

Die Bachstelze auf dem rostigen Geländer, von dem der rote Lack abplatzt. Ihre schwarzen und weißen Federn, das ausgewaschene Grün der Wiesen. Gypsy Bird. Das Grau-Grün des Kirchturms, das Schwarzgrün der Tannen. Die Bachstelze legt den Kopf schief und sieht mich an. Die Bachstelze fliegt in wellenförmigen Bewegungen. Ihr Gesang ist selten zu hören. Meist geben Bachstelzen nur einzelne Rufe von sich, darunter ein spitzes „zitit“ oder ein leiseres „tschüp“. Als Kind ging ich gerne auf hölzernen Stelzen, nachts träumte ich davon, über die Baumwipfel davonzufliegen.

Mittwoch, 9. April 2008

Schritte in die Stille

Jeder Tag ist Sonntag, weil jeder Tag still ist. Wenig Bewegung vor dem Fenster. In den dunklen Baumspitzen hängt Nebel, die Kirchturmspitze ragt über die Hausdächer.
Im Wald rauscht nur der Wind in den Zweigen. Die Tierspuren führen über den Weg und zwischen die Baumstämme. Es taut, in den Traktorspuren sammelt sich das Wasser, die Wiesen sind aufgeweicht. Reste von Schnee liegen wie Flecken auf den Bergflanken. In der Nacht höre ich, wie meine Gedanken knirschen.






Sonntag, 6. April 2008

Höfechronik

Ein 12 km langes Tal: Berghänge, Höfe, Raubvögel. Die Häuser haben tief heruntergezogene Dächer. Schollach gehört zu Eisenbach, hat aber immer seine Eigenständigkeit bewahrt. Im Eingemeindungsvertrag bestanden sie auf einem eigenen Ortsvorsteher. 250 Leute leben hier, die gerade erschienene Orts- und Höfechronik hat über 600 Seiten und ist schwer wie ein Backstein. 1280 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Hier erfand der Wirt des Schneckenhofes den Skilift, von hier aus reisten die Schollacher Uhren seit 1700 in alle Welt. Ein Tal mit Geschichte. Die Vorstellung der Chronik ist ein gesellschaftliches Ereignis. Im Foyer sind Zeichnungen der Bauernhöfe ausgestellt, die Besitzer betrachten sie mit Stolz. Der Männergesangverein singt leis’ schlägt mein Herz dir zu, draußen fällt unermüdlich der Schnee. Ein Londoner erzählt von seiner Liebe zu den Schollacher Uhren, deren Geschichte er seit vielen Jahren erforscht. Es gibt Wurstsalat und Dankesreden und auf der Leinwand schwarz-weiße Fotos von Heubergen und Ochsenkarren. Die Wangen röten sich, Rührung liegt auf den Gesichtern. Um Mitternacht schneit es immer noch.

Freitag, 4. April 2008

Ein Abschiedsgespräch

Elektromusik, eine verrauchte Bar.

-Und wo genau ist das?
-Eisenbach. Genauer gesagt ist meine Wohnung in Schollach. Eisenbach liegt im Schwarzwald.
-Da war ich mal im Urlaub mit meinen Eltern. Da gibt’s nur Wiesen, Wälder und Kühe, oder?
-Naja. Nicht wirklich.
-Was machst du dann die ganze Zeit? Musst du die Ortschronik schreiben?
-Das haben sie schon selbst gemacht. Ich werde mit der Schule zusammen arbeiten, der Theater-AG, ein gemeinsames Stück wird entstehen, Lesungen am Lagerfeuer und auf dem Heuboden sind geplant, eine Geschichten- Fahrt in einem selbstgebauten Wagen, eine Schreibwerkstatt, solche Dinge. Begegnungen und gegenseitige Inspiration. Im Idealfall.
-Klingt idyllisch. Und wenn du ins Kino willst?
-Mmh. Dann muss ich in die nächste Stadt.
-Du hast ja kein Auto. Wie regelst du das Einkaufen?
-Kannst du mir Care-Pakete schicken, falls mich niemand mitnimmt?
-Klar. Aber auf dem Land ist das doch anders. Da hilft man sich und so. Und alle wissen genau, was man wann gemacht hat.
-Kannst du mir noch ein Bier mitbringen?
-Ich komme dich besuchen. Muss mal wieder gesunde Luft einatmen.
-Ist ein Luftkurort.
-Kann man da auch die Seele kurieren?
-Das werden wir ja sehen.